Oftmals steht man vor der Problematik, dass man auf seinem Produktivsystem eine aktuellere Version von einem Programm benötigt als sie bereits im Repository der stabilen Ausgabe von Debian vorhanden ist. Für solche Problemfälle gibt es das Backports-Projekt, indem aber natürlich auch nicht alle Pakete enthalten sind, da nur selektiv einzelne Pakete aus dem neuen “testing”-Zweig von Debian gegen ein Stable-Environment gebaut werden.
Häufig werden dann die benötigten Programme in aktueller Version selbst übersetzt und somit aus der Paketverwaltung ausgekoppelt, was das Einspielen von Updates erschwert.
Der direktere Weg ist selbst sich Pakete zu backporten. Dies hat folgende Vorteile:

  • Integration in die Paketverwaltung (Vereinfachung beim Einspielen von Updates oder einem Upgrade)
  • durch die Maintainer an das Debian-System angepasst
  • einfache Weitergabe und Verteilung auf mehreren Systemen

Grundlage bietet zunächst eine chroot-Umgebung, damit das System, auf dem Gearbeitet wird nicht “zugemüllt” wird durch diverse dev-Pakete. Das Anlegen eines chroots ist recht einfach und geschieht mit debootstrap (muss als root ausgeführt werden)

root@localhost:~# mkdir chroot_squeeze
root@localhost:~# debootstrap squeeze chroot_squeeze/ http://ftp.de.debian.org/debian
I: Retrieving Release
I: Retrieving Packages
....

Wenn debootstrap die Umgebung gebaut hat, kann mit chroot chroot_squeeze/ /bin/bash in das chroot gewechselt und ohne Gefahr gearbeitet werden. Weiterer großer Vorteil ist, dass wenn was schief geht und das System “zerschossen” wird, man den chroot-Ordner einfach löscht und neu anlegt.
In der chroot-Umgebung sollten zunächst die /etc/apt/sources.list angepasst und um die Source-Quellen erweitert werden. Empfehlenswert ist es zunächst ersteinmal komplett den stable-Zweig von Debian zu verwenden, um die Build-Dependencies von den Stable-Paketen zu installieren. Hintergrund ist, dass so schon einmal der Großteil der benötigten Pakete installiert wird und später schneller und gezielter die fehlenden Abhängigkeiten aufgelöst werden können.

root@localhost:~# chroot chroot_squeeze/ /bin/bash
root@localhost:/# cd ~
root@localhost:~# mkdir icinga ; cd icinga
root@localhost:~/icinga# apt-get build-dep icinga
Paketlisten werden gelesen... Fertig
Abhängigkeitsbaum wird aufgebaut
....

Bei diesem Durchlauf sollten keine Fehler bzgl. Abhängigkeiten auftreten. Anschließend kann der Source-Eintrag in der /etc/apt/sources.list auf testing, unstable oder experimental geändert werden, je nachdem aus welcher Quelle man ein Paket benötigt. Anschließend erneut apt-get build-dep ausführen. Wenn hier Abhängigkeitsprobleme auftreten muss versucht werden diese Aufzulösen. In einigen Fällen kann es bedeuten, dass man zunächst andere Pakete backporten muss, damit die Abhängigkeiten der neuen Version stimmen. In unserem Beispiel von Icinga ist das jedoch nicht der Fall.
Es werden nun die Quellen mittels apt-get source icinga geholt und im Anschluss die Version mittels dch -v angepasst. Hierbei sollte man die Versionierung nehmen, wie sie auch beim Backports.org Projekt genutzt wird (paketname-1.0.2-2~xyz60+1 – genaueres ist aus backports.org zu entnehmen).

root@localhost:~/icinga# vi /etc/apt/sources.list
root@localhost:~/icinga# apt-get update
root@localhost:~/icinga# apt-get build-dep icinga
...
root@localhost:~/icinga# apt-get install devscripts #hier ist dch enthalten
root@localhost:~/icinga# cd icinga-1.4.1
root@localhost:~/icinga/icinga-1.4.1# dch --bpo

Nun öffnet sich ein Editor, der einem gleich die changelog Datei anbietet. Hier sollten noch Name und Email-Adresse angepasst werden und ggf. noch die Distribution (squeeze-backports, squeeze-backports-netways ..)
Nach dem Speichern kann das Paket mittels dpkg-buildpackage gebaut werden. Es kann sein, dass hier ebenfalls noch einmal Abhängigkeiten bemängelt werden, die man anschließend versuchen müsste aufzulösen, was jedoch aktuell und in unserem Beispiel nicht der Fall sein sollte.

root@localhost:~/icinga/icinga-1.4.1# dpkg-buildpackage
dpkg-buildpackage: setze CFLAGS auf Standardwert: -g -O2
dpkg-buildpackage: setze CPPFLAGS auf Standardwert:
dpkg-buildpackage: setze LDFLAGS auf Standardwert:
...

Ist der Build-Prozess erfolgreich durchgelaufen, liegen im übergeordneten Ordner die fertigen Debian-Pakete inklusive Quellpakete, welche dann in ein eigenes Repository hochgeladen werden können (bspw reprepro).
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass es unter unglücklichen Umständen (sehr große Versionssprünge und Abhängigkeitsprobleme) eine etwas umfangreicheres Unterfangen sein kann, ein Paket zurückzuportieren. Jedoch erntet man dafür die Vorteile und kann seine Ergebnisse mit anderen teilen.